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Geistliches Wort


Dr. Ulf Beiderbeck

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

(Jahreslosung für das Jahr 2012 aus 2. Korinther 12, 9)

Mag ja sein, dass man diesem kurzen Sätzchen aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde im griechischen Korinth aus frommer Tradition zustimmt. Unpopulär ist er trotzdem.

Neulich sagte mir eine Seniorin unserer Gemeinde, diese Jahreslosung für das Jahr 2012 würde zur Generation 60+ passen. Vermutlich meinte sie es, weil mit zunehmendem Alter der Körper schwächer wird.

Auf der anderen Seite korrespondiert diese Einsicht und die Jahreslosung mit ein anderen biblischen Impuls: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.“ (Ps. 8, 3) Die Macht Gottes passt dann wohl auch zum anderen Endem der Lebenszeit.

Worum geht es?

Der Apostel Paulus ist krank. Es lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, woran er denn nun wirklich leidet, aber er will sein Leiden loswerden. Das ist verständlich. Er betet um Befreiung. Er betet wiederholt … und scheinbar vergeblich. Es will sich keine körperliche Besserung einstellen. Kranke sind körperlich auch schwach – wie Senioren und Säuglinge.

Und noch ein biblischer Hinweis kommt mir in den Sinn: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.“ (Jes. 30, 15b) Eben: Unpopulär sind solche Töne …

… und von ungewöhnlichem Wert. Unser Streben nach eigener Stärke ist nämlich nur begrenzt sinnvoll. Natürlich: Es kann unsere Vitalität fördern, Prozesse in Gang bringen und Entwicklungen vorantreiben. Das kann sehr schön und hilfreich sein. Es kann aber auch blind machen und rücksichtslos – sich selbst und anderen gegenüber. Vor allem aber engt der Blick auf die eigene Kraft das Leben auf die eigenen Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten) ein.

Die Antwort auf das Gebet des Paulus um Heilung und vermehrte Kraft ist nicht nur auf seine Person hin formuliert. Sie ist allgemein gehalten: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Vielleicht ist das mal ein neuer Blickwinkel auf dein Leben im neuen Jahr 2012. Dann, wenn du schwach bist, die Schwäche nicht als Defizit zu begreifen, sondern als Chance. Als Chance dazu, eine andere Dimension wirken zu lassen. Nicht Aufbegehren gegen die Schwäche oder Sehnsucht nach (vergangener) Stärke wäre dann angezeigt, sondern „Stillesein und Hoffen“ darauf, dass sich etwas Anderes und Weiteres in deinem Leben Platz macht – nämlich die Macht Gottes. Sie war schon zu Anbeginn deines Lebens, als du ein Säugling warst, in deinem Mund und sie ist die bleibende – wenn auch manchmal leider verschüttete – Möglichkeit, tiefer zu gründen und weiter zu sehen.

Übrigens: Die Krippe von Bethlehem veranschaulicht eindrucksvoll, was mit der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, gemeint ist. In diesen bescheidenen Verhältnissen kommt Gottes Sohn zur Welt.

Eine besinnliche Adventszeit, ein gesegnetes Christfest und ein erfülltes Jahr 2012

wünscht Ihr und euer
Ulf Beiderbeck